Kann der Polestar 1 seinen Preis von über 155.000,00€ rechtfertigen?

Um das zu checken, lassen wir den ersten Sportwagen des chinesisch-schwedischen Herstellers gegen den BMW i8 im Test antreten.
Das passt nicht nur deshalb so gut, weil beide Hybrid-Sportwagen sind und damit so ziemlich die einzigen ihrer Gattung, sondern weil auch der i8 mit dem Marktstart 2013 und einem Preisschild von über 138.000,00€, wie der Polestar 1 jetzt, durchaus als überteuert angesehen wurde.
Aber beide sind absolute Vorreiter und zeigen, was abseits von herkömmlichen Sportwagen möglich ist. Also freuen wir uns darauf, die Hybrid Fahrzeuge gegeneinander antreten zu lassen.
Der BMW i8 entstammt übrigens auch unserer Mietwagenflotte. Wenn Sie auch Lust haben ein Hybridfahrzeug zu fahren oder sogar ein reines Elektroauto mieten wollen, können Sie dieses ganz einfach bei uns online buchen.

609 PS & 1000 NM - Der Polestar 1 kommt mit unheimlichen Leistungsdaten

Fangen wir mal mit dem Wichtigsten bei einem Sportwagen an. Mit den technischen Daten. Der Polestar 1 macht hier nämlich mit seinen 609 PS und 1000 NM Drehmoment gleich mal eine richtige Ansage.
Antriebstechnisch wird das zum einen mittels 3 Elektromotoren, wovon 2 direkt an den Hinterrädern anliegen und einer zwischen Verbrennungsmotor und Antriebswelle steckt, und zum anderen durch einen 4-Zylinder-Verbrenner, der die Vorderachse antreibt, erreicht. Der 4-Zylinder ist wiederum für sich sehr spannend, weil er nicht nur per Turbo, sondern auch noch durch einen Kompressor aufgeladen wird.

Beim BMW i8 ist die Kombi etwas einfacher. Insgesamt stehen hier 374 PS und 570 NM aus einem 3-Zylinder-Aggregat sowie einem Elektromotor zur Verfügung.
Der Polestar 1 müsste also im Drag gnadenlos vorne weg marschieren, wäre da nicht der immense Gewichtsunterschied von ungefähr 800 kg. (BMW i8: 1560 kg, Polestar 1: 2350 kg)

Also haben wir mal per GPS Box die Zeiten der beiden von 50-150 km/h gemessen. Hier konnte der BMW i8 mit guten 7,4 Sekunden eine wirklich sehr ordentlich Leistung aufs Tablett zaubern.
Der Polestar 1 war zwar mit 6,4 Sekunden etwa ein Sekündchen schneller und gewinnt damit diesen Punkt, das Beschleunigungsempfinden ist aber im i8 trotzdem deutlich besser.

Querdynamisch liegt der BMW i8 weit vorne

Treibt man die beiden jedoch um enge Kurven, macht sich nicht nur sehr schnell der krasse Gewichtsunterschied bemerkbar.
Während man im BMW i8 tief sitzt und durch das steife Carbon-Monocoque, in Verbindung mit einem ordentlichen Sportfahrwerk, keine Wankbewegungen verzeichnen kann, ist im Polestar alles etwas GT-typischer.
Auf breiten Ledersitzen nimmt man - für einen Sportwagen etwas zu hoch - Platz. Nachdem man noch zügig auf die erste Kurve beschleunigt, heißt es dann erst einmal, über 2,3 Tonnen abzubremsen. Recht neutral lenkt man in die Kurve. Auf dem Weg zum Scheitelpunkt fällt dann aber negativ auf, dass Unebenheiten auf dem Asphalt für Unruhe an den überdimensionierten 20 Zoll Rädern führen. Diese werden aber nicht wirklich direkt auf die Lenkung weitergegeben, sodass das Lenkgefühl sich synthetisch anfühlt.
Positiv zu erwähnen ist aber, dass das gnadenlos straff abgestimmte Fahrwerk die Seitenneigung im Zusammenhang mit dem mittig und tief liegenden Schwerpunkt des Polestars ebenso wie beim BMW i8 praktisch eliminiert.

Nun geht es also in Richtung Kurvenausgang. Hier wird das ganze Konstrukt aus den hinten anliegenden Elektromotoren und dem Verbrenner vorne ganz schön an seine Grenzen gebracht. Da hier praktisch an jedem Reifen andere Kräfte wirken und auch die Leistungsentfaltung der Motoren sich unterscheidet, müsste man hier wohl aber tausende Kilometer mit echten Profis zu Abstimmmungsfahrten abspulen.
Einen Luxus, den man sich für eine Kleinserie von nur 1.500 Fahrzeugen schwer erlauben kann.
Deshalb zerren die Antriebe zunächst etwas ungestüm an den Rädern, werden aber dann von der Elektronik in Gänze etwas kastriert, sodass man am Ende eher sicher als Sportwagen-typisch um die Kurve fährt.
Lange Rede, kurzer Sinn. Der BMW i8 zeigt auch querdynamisch, dass er ein Sportwagen ist. Der Polestar 1 nicht.

Der Polestar 1 ist besonders

Trotzdem ist der Polestar 1 ein faszinierendes Auto. Praktisch ohne Ecken und Kanten, sogar ohne festsitzenden Spoiler oder ähnliche Anbauteile kommt der Polestar 1 aus. Er sieht einfach durch seine Form einmalig gut aus. Und das ist vor allem deshalb so grandios, weil er keinem anderen Auto gleicht und so wohl ein echtes Unikat bleiben wird.

Aber nicht nur sein Design ist einzigartig. Auch das Konzept ist ein wirklich innovativer Schritt in die Zukunft.
Während der Elektromotor beim i8 eher der Unterstützung des Verbrenners dient und mit seinem Akku gerade so gute 30 km Reichweite bietet, kann man den Polestar auch wirklich im Alltag rein elektrisch fahren. Denn er bietet mit seinen Elektromotoren eine Reichweite von etwa 150 km. Außerdem kann man diese auch mit einem Typ 2 Stecker wieder richtig schnell aufladen.

Der Polestar 1 ist also der erste Hybrid, der eine wirklich ernstzunehmende elektrische Reichweite bietet.

Fazit - Polestar 1 keine Kaufempfehlung

Für mich ist der Polestar 1 leider viel zu teuer. Er ist in Gänze lange nicht perfekt und das fällt einem vor allem deshalb auf, weil man die ganze Zeit denkt: und dieses Auto soll 155.000,00€ kosten? Er gibt sich also selbst ein Preisschild, bei dem man eigentlich in allen Belangen perfekt sein muss.
Vor allem für ihn spricht das unglaublich schöne Design und der innovative Antrieb. Damit kann man wahrscheinlich nur eine sehr kleine Gruppe von überzeugten Individualisten für sich einnehmen. Deshalb macht auch die Limitierung auf 1.500 Stück Sinn. Wobei ich nicht mal glaube, dass sich 1.500 Kunden zu diesem Preis finden werden.

CarVia Magazin

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